LZ 14.06.2005
Glänzende Charakterstudien
Applaus für tolle Leistungen: Den gab es minutenlang für die Schülerinnen und Schüler, nachdem der letzte Vorhang des Musicals „Oliver" gefallen war. (Foto: Nevermann)
Jubel für Musical „Oliver" der Freüigrath-Realschule
Lage (Nv). Ein Jahr voller anstrengender Proben lag hinter den 80 Schülerinnen und Schülern der Freiligrath-Realschule, als am Wochenende zwei Aufführungen des Musicals „Oliver" in der Aula des Schulzentrums am Werreanger über die Bühne gingen. Auch dieses vierte Projekt, bei dem Peter Krudup und Michael Büssing die Regie übernommen hatten, wurde vom überwiegend jungen Publikum mit jubelndem Beifall gefeiert.
Die Geschichte des in Londoner Slums aufgewachsenen Waisenknaben Oliver, die schließlich doch noch glücklich endet, verfasste Charles Dickens zu Beginn des 19. Jahrhunderts als Anklage gegen Armut und die aus ihr resultierenden Korruption und Gewalt. Den Roman „Oliver Twist" nahm Lionel Bart Anfang der 60er Jahre zum Vorbild für sein Musical, das weltweit die Bühnen eroberte und mit sechs Oscars gekrönt wurde. Um das Milieu der britischen Unterwelt zu verdeutlichen, wurden in Lage die Songs in englischer Sprache belassen, die Dialoge jedoch auf Deutsch geführt.
Plastisch erschienen auf der Bühne Drangsalierung und Drill im Waisenhaus, wo Oliver (alternierend gespielt von den Zwillingen Sascha und Ernie Erhardt) als „lästiger Schmarotzer" gilt, dem selbst das Hundefutter nicht gegönnt wird. Nicht viel besser ergeht es ihm als Leichenbegleiter, der dem zynischen Bestatter „in der Größe passend" für tote Kinder erscheint.
Ganz schlimm erwischt es den Elfjährigen, ehe sich alles zum Guten wendet, in einem schmuddeligen „Ausbildungscenter" für Taschendiebe. Es mutet leider gar nicht gestrig an, wenn man sich die kürzlich im Fernsehen gesendeten Bilder von ähnlichen Einrichtungen in Osteuropa vergegenwärtigt.
Ensemble-Szenen überzeugend
Das Musical zeichnet sich durch mitreißende Melodien aus, die von einer achtköpfigen Band unter der Leitung von Peter Krudup hinter einem halbtransparenten Bühnenvorhang fabelhaft wiedergegeben wurden.
Besonders überzeugend gelangen die Ensemble-Szenen, zu denen der Chor der Fünft- und Sechstklässler unter Agnes Babilon und die Choreographie von Catherine Petit entscheidend beitrugen. Musical-Erfahrung brachten die aus den Klassen neun und zehn rekrutierten Solo-Darsteller mit. Dazu gehörten die reuevolle Gangsterbraut Nancy (gespielt von Jessica Ringe und Kathrin Wehmeier), der von Sebastian Termöllen verkörperte Ganove Sikes (dessen unrühmliches Ende vom Publikum bejubelt wurde) und vor allem der snobistische Taschendieb-Chef Fagin, Philipp Bahra lieferte hier eine glänzende Charakterstudie ab. Eine Entdeckung war Fabian Gollmer als junger Taschendieb Dodger - kaltschnäuzig, nassforsch und dabei überaus witzig.
Auch wenn es ein paar, sicherlich durch Lampenfieber bedingte Aussetzer und problematische Mikrofone gab - der riesige Beifall spornte am Ende die Akteure zu mehreren Zugaben an, die vom Auftritt des im Duett singenden „doppelten Oliver" gekrönt wurden.
Lippische Landeszeitung, 14.06.2005

