LZ 2010-06-17
Ein fast vergessener der Literaturgeschichte
Zum 200. Geburtstag von Ferdinand Freiligrath
Von Detlev Hellfaier
Heute vor 200 Jahren wurde der Dichter Ferdinand Freiligrath in Detmold geboren. Eine Plakette an seinem Geburtshaus Unter der Wehme erinnert daran.
Ferdinand Freiligrath: Seine Dichtung hat uns auch heute noch viel zu sagen. FOTO: LIPPISCHE LANDESBIBLIOTHEK
Detmold. Der Geburtstag gibt Anlass über diesen weitgehend Vergessenen der deutschen Literaturgeschichte nachzudenken. Zu fragen ist nach den Gründen seiner Bedeutung zu Lebzeiten, aber auch nach den Ursachen, warum er heute der Vergessenheit anheim gefallen ist. Und vor allem lohnt die Frage, ob eine Wiederbelebung möglich erscheint. |
Wegen der aufrührerischen Verse vor Gericht gestellt, wagte man indes nicht, den populären Dichter zu verurteilen. Sein Gang durch Düsseldorf nach dem Freispruch glich einem Triumphzug, Tausende jubelten ihm zu. Und seine Leser waren es auch, die ihm später die größte Anerkennung als Dichter zuteil werden ließen: Eine Nationaldotation in Höhe von 60 000 Talern (heute wohl deutlich mehr als eine Million Euro), initiiert von Freunden aus Barmen, ermöglichte es ihm 1868, nach fast 20-jährigem Exil in England nach Deutschland zurückzukehren und seinen Lebensabend abzusichern. Ein Beispielloser Vorgang in der Geschichte der Beziehungen zwischen einem Autor und seinem Publikum. Begeisterte Empfänge in ganz Deutschland, darunter im Sommer 1869 auch in Bielefeld und Detmold, zeigten ihn noch einmal auf der Höhe seines Ruhmes, und als er am 18. März 1876 in Cannstatt starb, trauerte nicht nur das literarische Deutschland. Wenn Freiligrath in seiner späten Lyrik die nationale Einigung feierte, sorgte er sich doch vor dem drohenden Cäsarismus der Hohenzollern und sah im deutschen Kaiserreich kaum die ideale Staatsform, für die er Haft und jahrelanges Exil in Kauf genommen hatte. Die Republik, die er noch 1869 in seinem Gedicht „Im Teutoburger Walde“ eingefordert hatte, blieb zeitlebens sein erklärtes Ziel, aber er arrangierte sich mit den Verhältnissen und erkannte, dass zumindest derzeit der Einfluss des Literaten auf die politischen Verhältnisse nicht gegeben war. Man darf auch nicht vergessen: die politische Lyrik lebt von |
der Aktualität, und manches, wofür 1848 gestritten wurde, war erreicht worden. Zunehmende Demokratisierung und der Rückbau neoabsolutistischer Fürstenmacht griffen unaufhaltsam Raum. Der Rückschritt im Zuge der Sozialistengesetze ab 1878 blieb Episode; Freiligrath sollte sie ohnehin nicht mehr erleben. Als die heute noch maßgeblichen Werkausgaben von Schröder (1907) und Schwering (1909) erschienen, war das Bild Freiligraths im allgemeinen literarischen Bewusstsein bereits verblasst. Der Geschmack hatte sich gewandelt, der Dialog zwischen Dichter und Publikum war nicht mehr das marktbeherrschende Medium. Populäre Verse wie „Prinz Eugen, der edle Ritter“ sowie sozialkritische Gedichte wie „Aus dem schlesischen Gebirge“ bevölkerten noch lange Anthologien und Lesebücher, „Trotz alledem!“ wurde zum Kampflied der 68er. Ansonsten verfiel der poetische Herold der Republik weitgehend dem Vergessen. Was bleibt? Drei ethische Grundsätze ziehen sich wie ein roter Faden durch sein gesamtes dichterisches OEuvre: Freiheit, Brüderlichkeit und Menschlichkeit. Wichtiger als politische Systeme und Ideologien ist bei ihm der Mensch oder die leidende, sich nach Freiheit sehnende Kreatur. Niemand kann bestreiten, dass heute immer noch nicht gelungen ist, menschenwürdige Lebensbedingungen für alle zu schaffen. In einer Welt globaler Dimensionen hat die soziale Kälte ebenso wie die kriegerische Gewalt katastrophal zugenommen und das Bild des Menschen bis zur Unkenntlichkeit verzerrt. Freiligraths Dichtung ist deshalb nicht überflüssig geworden. Sie verdient, in den Chor derer aufgenommen zu werden, die nicht müde werden, Unterdrückung und Gewalt zu ächten und unerschrocken einzutreten für die Achtung des Menschen in Frieden und Freiheit. |
LZ, 17.06.2010
